Unser Tourtagebuch, Weihnachtspäckchentour 2015

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Teil 1: Gestrandet in Geiselwind

DSC_0005So hatten wir uns den Start in die Weihnachtspäckchen-Tour 2015 sicher nicht vorgestellt: Nach einem kurzen Tankstop am Rasthof Geiselwind gab leider das Abblendlicht am Kinderzelt-Bus seinen Geist auf. Erste Diagnose: Birnen kaputt, aber das war es leider nicht. Nachdem ein nach wenigen Minuten herbeigeeilter ‘Gelber Engel’ des ADAC auch nicht weiterhelfen konnte, mussten wir kurzerhand Entscheidungen treffen. Übernachtung im ‘Hotel Stern’ im Ort und ab 8 Uhr Bus in die Werkstatt. Eben gerade kam die erlösende Nachricht, dass wir gegen 12 Uhr wieder starten können. Wir haben zwar etwas Zeit verloren, doch noch ist alles zu schaffen. Wie heißt eine der wichtigsten Kinderzelt-Weisheiten: Alles wird gut! Schließlich warten tausende Kinder auf Eure Päckchen!

 

Teil 2: Angekommen und durchgestartet

Meine erste Tourteilnahme und gleich eine Mega-Anreise von 44 Stunden für kanpp 1.700 km! Mit einem Tag Verzögerung, müde aber hoch motiviert sind wir am Donnerstag in Gheorgheni angekommen und gleich nach Balan durchgestartet. Dort wurden wir von unserem Helferteam und den vielen Kollis voll mit Weihnachtspäckchen sehnsüchtig erwartet. Und wir haben es gerockt! In Rekord verdächtiger Zeit präparierten wir die Turnhalle. Die Päckchen wurden altersmäßig geordnet und zu einer kunterbunten Wand aufgestapelt. In der Halle herrschte ein emsiges Treiben. Wir verständigten uns auf Deutsch, Englisch, Rumänisch und mit Händen und Füßen. Als Neuling im Weihnachtspäckchen-Team kam ich mir überhaupt nicht vor. Ich war sofort Teil des Ganzen und das ist super.

Am Abend bezogen wir unser Quartier in Gheorgheni. Hungrig, geschafft und mit dem großen Verlangen nach einer Dusche verteilten wir uns und unser Gepäck auf die Zimmer. Die Essensbestellung verunglückte leider, sodass wir kurzerhand alle unseren Reiseproviant – oder das was noch davon übrig war – zusammenstellten und ich eine Kleinigkeit aus den Vorräten kochte, die unsere Küche bot. Wir sind uns einig, der Abend war unser Abend.

16-IMG_6900Heute, am Freitag, erwarteten wir Balans Kindergartenkinder, sowie die kleinen und großen Schulkinder, aufgeteilt in drei Gruppen. Päckchen haben wir ja mächtig viele dabei, aber das Wichtigste haben wir vergessen nach Balan mitzubringen: Die Weihnachtsgeschichte. Verena, eine Sozialarbeiterin aus Tirgu Mures, erzählte den Kids und uns die Geschichte vom Jesuskind. Birgit und ich spielten Maria und Josef, als die Kindergartenkinder zu Gast waren. Später besetzten Schulkinder der jeweiligen Gruppen diese Rollen – und alle haben zugehört. Musikalisch umrahmt wurde die Geschichte von Schulkindern aus Balan. Die Geduld und Aufmerksamkeit der Kids war überwältigend. Denn immerhin waren die Geschenkpäckchen zum Greifen nah.

Aber endlich durften wir hunderte von “paketele” überreichen, was speziell für mich ein ganz großer Moment war, mindestens genau so groß wie für die Kinder. Neben den Päckchen überreichten wir auch vollgepackte Schultaschen an zahlreiche kleine und große Jungs und Mädchen.

Egal wie oft ein jeder von uns die Weihnachtspäckchen-Tour bisher durchlaufen hat, eines ist klar: Jedes Jahr ist ein besonderes Jahr, mit besonderen Kindern. Kinder, die so verschieden und bunt sind, wie unsere Welt auf der wir leben. Im Prinzip beschenken die Kinder uns. Sie beschenken uns mit Liebe, Glaube, Hoffnung. Balan steht heute für Liebe! Liebe in unseren Herzen, Liebe in den Augen der Kinder, Liebe in Euren Weihnachtpäckchen.
Eure Andrea

Teil 3 Weihnachtspäckchen und Gummistiefel

Tag 3 und 4 sind vorüber. Viele Päckchen durften wir bereits verschenken, doch zwischendurch ist immer erstmal Organisieren und Vorbereiten angesagt. Gemeinsamer Treffpunkt mit unseren Helfern war wie immer die Turnhalle in Balan. Dort sortierten wir Päckchen, Patenpakete, Familienpakete, Wolldecken und “SMH”, unser Kinderzelt-Kürzel für Schal – Mütze – Handschuhe. Währenddessen kamen die ersten Kinder aus dem Patenschaftsprogramm vorbei und konnten die Geschenke ihrer Paten in Empfang nehmen. Weitere Patenkinder besuchten wir zu Hause, überreichten das Präsent und konnten in Gesprächen mit den Kindern und ihren Müttern oder Omas die Notwendigkeiten des Alltags erfragen.

15-IMG_5159Am späten Nachmittag brachen wir auf für ein Treffen im Kinderheim in Subcetate. Bereits an einer Kreuzung im Ort wurden wir von einigen Kids mit Taschenlampen empfangen, die uns den Weg wiesen. Wie im letzten Jahr war die Begrüßung unglaublich herzlich. Die Kinder sangen für uns Weihnachtslieder: Gänsehautmoment für das Team. Nach dem Trubel der großen Übergaben in Balans Turnhalle, konnten wir nun ganz in Ruhe und sehr persönlich die Geschenke überreichen und den Kindern beim Auspacken über die Schulter schauen. Kindliche Freude, Umarmungen, Tanzen, Reden, Lachen – ein wunderschöner Abend. Am Schluss bekam jedes Kind noch eine neue Kuscheldecke und wir mussten uns leider schon verabschieden. Wir wären gerne noch länger geblieben.

Sonntag beluden wir vier Pkw, zwei Anhänger und unseren Kinderzelt-Bus mit Päckchen für die anstehende Tour zu Romasiedlungen von Sandomenic und Gheorgheni. Bis unter das Dach beladen, setzte sich unser Tross in Bewegung. Es ist wohl der anstrengendste und emotionalste Tag der Tour, denn hier werden wir hautnah mit den harten Lebensbedingungen der Familien konfrontiert. Der Anblick der Hütten, die nur wenig Schutz gegen Wind, Regen, Schnee und Kälte bieten und doch ganze Großfamilien beherbergen, ist immer wieder bedrückend. Hier kann kein Päckchen was verändern. Vielmehr kann es eine Art “Trostpflaster” sein, ein Moment Kindheit, in einem ansonsten harten Alltag.

A32-IMG_8554ufgrund der milden Temperaturen waren die Wege zwischen den Hütten mit zentimeterdickem Schlamm und Morast überzogen. Wir waren wie immer mit gutem festen Schuhwerk ausgestattet, doch wie muss das für die Kinder sein? Einfache, zum Teil zerfetzte Schuhe, mache sogar barfuß, so liefen sie neben uns her. Da waren die Gummistiefel, die wir dabei hatten, heiß begehrt. Vielleicht war das auch der Start für eine neue Aktion: “Gummistiefel für Romakids”. Eine Selbstverständlichkeit für alle Kindergartenkinder in Deutschland: manchmal kaum getragen, weil die Kinderfüße im Nu hinauswachsen, stehen sie im Schuhregal und könnten hier noch gute Dienste leisten.

Beim Verteilen der letzten Päckchen war es bereits stockdunkel. Kerzenschein mag für uns ja etwas romantisches haben, wenn es aber über Monate fast die einzige Lichtquelle ist, dann spürt man förmlich, wie hart und krass sich das Leben dieser Familien von dem unsrigen unterscheidet.

 

Teil 4

Die gute Nachricht vorweg: die Rückfahrt hat halb so lange gedauert wie die Hinfahrt! Am Mittwoch morgen lag zwar eine dünne geschlossene Schneedecke in Gheorgheni, aber das war kein Problem. Nun sind alle Teammitglieder wieder wohlbehalten zuhause angekommen und lassen die vielen Eindrücke und Erlebnisse erst einmal sacken. Über vieles gilt es nachzudenken, Fotos werden gezeigt und dazu erzählt und es werden schon Pläne geschmiedet. Das Erlebte ist zwar oftmals bedrückend und erschütternd, aber zugleich Motivation und Ansporn für unsere Kinderzelt-Arbeit.
Am Montag haben wir in Gheorgheni in den kleineren Romasiedlungen weiter verteilt. Die Autos wurden erst in Balan aufgefüllt, sodass wir genug für alle an Bord hatten. Nun ging es wieder von Hütte zu Hütte: schauen, wie viele Kinder in welchem Alter dort leben, passende Päckchen raussuchen und verschenken. Ein eingespielter Ablauf mittlerweile und doch bei jeder Familie ein wenig anders und immer wieder unglaublich schön. Eine andere Situation finden wir in den sogenannten ‘Ghettoblocks’ vor. Das sind mehrstöckige Wohngebäude, etwas abgelegen am Stadtrand; hier leben viele Romafamilien. Die Wohnsituation ist zwar wesentlich besser als in den Siedlungen – die Probleme wie Arbeitslosigkeit und die damit verbundene Armut und die fehlende Zukunftsperspektiven bleiben. Dank der bananenkistenweise mitgebrachten Schals, Mützen und Handschuhe konnten wir eine Art kleinen “Straßenladen” aufbauen. Cleo, Birgit und Andrea versorgten alle Kinder mit etwas kuschelig Warmen. Danach noch Patenpakete verschenken. Diesmal in der Baptistenkirche, mit Gitarrenspiel, Kindergesang, Zeit und Ruhe. Was für’s Herz.
Der Abend stand dann ganz im Zeichen des großen Teams. Alle Helfer aus Deutschland und Rumänien an einer Tafel. Gemeinsam essen, reden, lachen – das ist auch Kinderzelt.

Und mit Kinderzelt ging es am nächsten Morgen weiter: Weihnachtsfeier in unserem Kindergarten “Kindernestchen” in Balan. Unsere Erzieherinnen hatten gemeinsam mit den Kindern und Eltern ein Krippenspiel vorbereitet: “unsere” Kinder als Maria und Josef vor der Krippe, Engel, Hirten und Könige. Es wurde gesungen und Gedichte vorgetragen. Hier konnten wir wirklich etwas von der Botschaft und dem Geheimnis von Weihnachten spüren. Natürlich bekamen alle Kinder im Anschluss ein Geschenk überreicht und wir gingen glücklich und beseelt auseinander.
Wir besuchten nun noch einige Familien in Balan. Unteranderem Noemy mit ihrem einjährigen Sohn Andrej. Sie bewohnen einem einzigen Raum in einem halb verfallenen Wohnblock. Für uns schlicht unvorstellbar, wie Kinder hier aufwachsen müssen.
Das gleiche Gefühl, nur eine andere Situation: auf dem Rückweg nach Gheorgheni besuchten wir zwei Romafamilien. Die winzigen Hütten sind uns bei den Fahrten immer wieder aufgefallen und nun wollten wir wissen, wer hier lebt. Wir fanden zwei Großfamilien in einem elenden Umfeld vor. Kein Strom in den Hütten, in einer nicht mehr als ein Sofa, ein kleiner Tisch, Ofen und eine Art Schrank. Sieben Kinder leben hier mit ihrer Mutter. Wir haben Weihnachtspäckchen, Familienpakete, Kerzen und Decken den kleinen Weg hinuntergeschleppt – wiedermal nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein, aber immer noch besser als wegschauen oder gar verachten.
Emotional auftanken konnten wir dann bei Maria und David. Maria ist das Mädchen, das in Deutschland operiert wurde und uns allen sehr ans Herz gewachsen ist. Ihr geht es gut und sie und ihr Zwillingsbruder haben einen großen “Schuss” gemacht.
Die letzten Päckchen haben wir wieder unterwegs verschenkt. Oberhalb einer großen Romasiedlung werden am Straßenrand Zwiebeln zum Verkauf angeboten. Dort haben wir angehalten und schon kamen Kinder angelaufen. Es hat genau gepasst, so dass alle ein Päckchen, eine tolle Decke, die Mamas Babygläschen und jeder eine große Handvoll Süßigkeiten bekam.
Ich will nun mal aufhören und hoffe, dass ich Euch einen kleinen Einblick in unsere Arbeit geben konnte. Alles passt eh nicht in diese Zeilen und es gibt ja auch noch eine Menge Bilder zum Anschauen.

Wir wünschen Euch von ganzem Herzen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest und alles Gute für 2016, mit einem Wiedersehen bei einem unserer Events!

Zum Schluss möchten wir uns nochmals bei allen herzlich bedanken, die uns in den letzten Wochen und Monaten so sehr unterstützt haben. 5.454 Päckchen sind ein wunderbares Ergebnis. Tausenden Kindern eine Freude bereiten zu können, ist Tausenden Päckchenpackern zu verdanken.
Danke an die Metzgerei Robert Müller, in deren über 80 Filialen für uns geworben und gesammelt wurde und wir somit ein größeres Sammelstellen-Netzwerk haben.
Danke an Monika und Claudia mit ihren fleißigen Helfern und Unterstützern. 1.056 Päckchen von Monika und ihren ‘Girls’ – über 750 Päckchen von Claudia und ihrem Team. Ohne Euch könnten wir nicht so großzügig andere Einrichtungen wie Kinderheime, Krankenhäuser, Kirchengemeinden oder kleine Hilfswerke unterstützen, die sich unglaublich darüber freuen, an ihre Kinder Geschenke zu überreichen zu dürfen.
Danke an die in Steinau ansässige Anvis Deutschland GmbH, die uns die Transporte gesponsert hat. Eine unglaubliche Entlastung, denn die Organisation und Durchführung der Aktion müssen auch finanziell gestemmt werden.
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  • Julia
    Antworten

    Vielen Dank für den eindrucksvollen Bericht und die vielen schönen Fotos! Dieses Jahr konnte ich sogar zum ersten Mal, seit ich bei der Aktion mitmache, mein Päckchen mitsamt beschenktem Mädchen auf den Bildern wiederfinden. Das bereitet mir natürlich eine besondere Freude :) Weiter so!

  • Gabriele Pommeranz
    Antworten

    Ich bin stolz darauf letztes Jahr in Claudias Gruppe jede Menge Päckchen gepackt zu haben.
    Bisher sind schon wieder einige Babydecken für Weihnchten 2016 entstanden. Zur Zeit bin ich am Socken stricken die, wie ich auf den Bildern sehen konnte, gut gebraucht werden können.
    Danke für das Tour Tagebuch

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